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Ein Wahlabend in Bordeaux – Protokoll

Mai 7, 2012

16.30 Uhr: Irgendjemand schreibt, dass Hollande mit etwa 56% die Wahl in Frankreich gewonnen habe, Twitter springt auf den Zug auf. Dass es vor 20 Uhr in Frankreich, so verfügt es das Gesetz, keinen Sinn hat, irgendwelche Prognosen zu machen, nehme ich das eher achselzuckend zur Kenntnis. SPD-Anhänger auf Twitter freuen sich bereits ob des großen Vorsprungs.
19.00 Uhr: Bei Twitter lese ich, dass Sarkozy seine Jubelfeier am Place de la Concorde abgesagt haben soll, in Frankreich wird das noch nicht verbreitet. Bzw.: Es darf noch nicht verbreitet werden.
19.30 Uhr: Ich sitze an meinem Schreibtisch und beschließe, die insgesamt zwölfte oder dreizehnte Lernpause des heutigen Tages einzulegen, und an den Platz de la Victoire zu gehen. In einigen Minuten.
19.52 Uhr: Ich verlasse das Haus. Draußen stehen viele Leute am Rathaus, augenscheinlich steigt hier die Wahlparty der UMP. Ich gehe dann doch lieber zum Victoire, um mir die Sieger anzuschauen.
20.00 Uhr: Höhe Musée d’Aquitaine. Ich höre einen sehr lauten Jubelschrei vom Platz de la Victoire, dazu einige Kanonenschläge und Böller.
20.02 Uhr: Vom Platz de la Victoire kommen mir sehr viele Menschen entgegen, schwer einem politischen Lager zuzuordnen.
20.05 Uhr: Platz de la Victoire, vor einer großen Leinwand stehen etwa vier- bis fünfhundert Leute, davon augenscheinlich 100 Menschen mit Frankreich- und Hollande-Fahnen. Auf der Leinwand noch einmal das Bild des Platzes – quasi Inception – mit durchratternder Laufschrift, auf denen die einzelnen Wahlergebnisse der Gemeinden im Département durchgegeben werden.
20.07 Uhr: Das Fast-Food-Restaurant nebst umliegenden Bars und Kneipen machen den Umsatz des Jahres. Immer mehr Menschen mit Plastikbechern voller Bier rennen herum.
20.10 Uhr: Vor allem die Punks und Obdachlosen, die zu jeder Tageszeit hier anzutreffen sind, tanzen umher und schwenken Fahnen. Aber auch Mitvierziger mit Kindern tanzen und singen zu „I-will-survive“. Die Musikauswahl schwankt zwischen Oldies-Disco, Strandparty und Parteitag.
20.13 Uhr: Ich bemerke, dass das mobile Internet zusammengebrochen ist. Nix mit Twittern also. Eine kleine Gruppe von CRS-Beamten in martialischer Uniform beobachtet das Treiben skeptisch. Immer mehr Menschen mit Spiegelreflexkamera verewigen die Momente am Victoire.
20.14 Uhr: Neben mir brüllt jemand einfach nur „HOLLANDE !“ in sein Telefon.
20.17 Uhr: Kameraleute mit Heineken-Bierdosen filmen das Spektakel. Ein Mann mit selbstgebastelten Anti-Sarkozy-Plakat hat seine 15 Minuten des Ruhmes und wird von Leuten mit Kameras belagert. Ich schließe mich in voyeuristischer Mediengeilheit dem Tross an. Hier ein Foto, noch ein Foto.
20.20 Uhr: Die Tramhaltestelle ist blockiert, aber so wirklich scheint das niemanden zu stören. Auch die CRS-Beamten nehmen es stoisch hin und lassen die Meute feiern.
20.23 Uhr: Die Musikauswahl ist jetzt bei Arbeiterkampfliedern angekommen. Der vordere Teil der Menschenmenge ist weiter textsicher. Im hinteren Teil werden mangelnde Textkenntnisse mit geöffneten Champagnerflaschen aufgefangen. Ich bemerke, dass einige Frauen seit 20 Minuten ununterbrochen mit Rose in der Hand tanzen.
20.26 Uhr: Ich habe angefangen, mal die Einzelergebnisse der Orte anzuschauen. Kaum verwunderlich: In Arcachon, Badeort der Reichen im Südwesten, hat mit über 60 Prozent für Amtsinhaber Sarkozy gestimmt. Hollande hat vor allem in den urbanen Gegenden seine Stammwählerschaft und ist dort ungeschlagen.
20.30 Uhr: Erneuter Versuch, ins Internet zu gelangen. Schlägt wieder einmal fehl.
20.38 Uhr: Ich gehe einmal um die ganze Feiermeile herum. Die vorderen Reihen, in denen einzelne Flaggen der Grünen aufblitzen, ist augenscheinlich mit Jeunes Socialistes und anderen „militants“ (das Wort hat in Frankreich keine negative Konnotation, sondern beschreibt ganz neutral die Wahlkämpfer eines Kandidaten) gefüllt. Ich frage mich, ab wann die Arme müde werden und die Flaggen abschlaffen. Scheint noch zu dauern.
20.45 Uhr: Ich gehe die Rue Saint-Catherine in Richtung Grand Théâtre. Hunger, aber die Junk-Food-Tempel am Victoire sind überlaufen. Auf dem Weg ziehen an mir drei schwarze Frauen vorbei, die ein Sarkozy-Plakat unter lautem Gejohle mit einer frivolen Performance auf der Straße zerlegen, indem sie ihr Gesäß auf dem papierenen Antlitz des Ex-Präsidenten platzieren. Menschen mit Smartphones protokollieren das Ganze für die Nachwelt.
21.00 Uhr: Abendessen (gesunde Ernährung sieht anders aus) beim örtlichen Junk-Food-Händler erstanden und in Richtung Wohnung aufgebrochen. Auf dem Weg noch vereinzelt Menschen mit Hollande-Flaggen.
22.00 Uhr: Erste Menschen kommen mit der Tram am Rathaus an und beginnen, sich dort einzufinden.
23.00 Uhr: Mal wieder Blick aus dem Zimmer, Polizei ist aufgezogen, die Hollande-Anhänger singen die Marseillaise und drängen in Richtung Rathaustor. Wirkt wie ein spontaner Fetter Donnerstag, nur glaube ich kaum, dass Alain Juppé um diese Stunde noch PS-Anhängern das Kommando übergeben wird.
23.05 Uhr: So ganz verstehe ich den Sinn der Sache auch nicht mehr, aber gut.
23.55 Uhr: Die Spontanversammlung löst sich auf, vereinzelt gibt es noch Jubelschreie auf dem Platz, aber das Spektakel neigt sich dem Ende. Ich beschließe, die zwanzigste und letzte Lernpause des Tages mit Schlaf zu begehen.

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