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Le plan détaillé

November 17, 2011

Dass ich derzeit recht wenig schreibe, liegt an einfachen Dingen, wie der steigenden Notwendigkeit, für anstehende Prüfungen zu lernen, dem großen Angebot von Aktivitäten, die man als ausländischer Student mal wahrnehmen muss, mal wahrnehmen will und vielleicht auch einer latenten Ereignisarmut. Also nutze ich mal die Zeit, um über eine weitere Besonderheit des Sciences Po Bordeaux zu referieren: Le plan détaillé. Und das fordert jetzt Eure Vorstellungskraft.

Man stelle sich eine typisch deutsche Hausarbeit an einer normalen deutschen Provinzuniversität vor. Man besucht ein Seminar, meist thematisch, also vielleicht „Das Wirtschaftssystem der VR China seit 1978“. Der Themenbereich ist sehr spezialisiert und man bekommt das Thema „Werden ausländische Unternehmen in China benachteiligt?“ zugeteilt. Man wird also diverse Kategorien aufstellen, eine Definition für „Diskriminierung“ suchen (vorzugsweise bei der Welthandelsorganisation), dann wird man die heimische Bibliothek und das Internet nach Monographien, Sammelbänden, Zeitschriften, Statistiken, Studien und allen möglichen Quellen durchsuchen, die das Thema betreffen. Man stellt Thesen auf, die sich am Ende bestätigen sollen. Man wird ein Referat über dieses Thema halten, was die spätere Hausarbeit in groben Zügen, auch was die Gliederung betrifft, darstellt. Dann schreibt man die Hausarbeit. Einleitung, Hauptteil, Schluss. Dieser Prozess dauert im Endeffekt mehrere Monate.

Nun stelle man sich Folgendes vor: Eine französische „Grand École“, vorzugsweise in Bordeaux. Man besucht ein Seminar mit dem Namen „Culture Générale“, was sich mit „Allgemeinbildung“ übersetzen lässt. Also thematisch ein klein wenig weiter gefasst. In irgendeiner beliebigen Sitzung wird der Dozent ankündigen, dass in der kommenden Woche ein „plan détaillé“ geschrieben wird. Ein „plan détaillé“, das ist die Einleitung einer Hausarbeit plus Gliederung, plus zentrale Thesen und Argumente. Es wird einen Text und ein Thema als Ausgangspunkt geben.

Das sind alle Informationen, die man im Vorfeld erhalten wird.

Eine Woche später hat man keine Vorbereitung, außer dass man sich noch einmal gründlich mit der französischen Methodik beschäftigt hat: Einleitende Sätze zur Aktualität, Klärung der Begriffe, „problémathique“ (Aufstellen einer Forschungsfrage und der Hauptthese), dann zwei Argumentationsstufen, „Oui“ und „Mais“, „Ja,  aber…“. Man bekommt folgende Frage gestellt: „Les hommes politiques sont-ils des hommes comme les autres ?“ – Sind Politiker auch nur Menschen. Dann tickt die Uhr. Neunzig Minuten Zeit, die einzigen Ressourcen sind ein einsprachiges Wörterbuch, ein Text, der das Thema leicht anschneidet und das eigene Gehirn. Sonst nichts.

Der Sinn des Ganzen ist das Fördern der Fähigkeit, auch unter großem Zeitdruck zu jedem möglichen Thema irgendetwas schlaues sagen zu können. Unvorstellbar? Nicht hier.

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