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Bordeaux – PSG

November 8, 2011

Fußballentzug. Seit mehreren Wochen. Das Spiel gegen Evian? Keine Befriedigung. Die Leistungen der lokalen Équipe? Beschämend. Aber dann bahnte sich doch wieder etwas an: Das Spiel gegen Paris Saint-Germain, gegen den großen PSG. Als langjähriger Verfolger der Ligue 1 führt PSG schon lange für mich die Riege der unsympathischen Klubs an. Die Vereine, die Spielzeit um Spielzeit zwar Abermillionen an Transfergeldern verbraten, aber dann zum Glück nicht die ersehnte Meisterschaft erreichen.

Dieses Jahr ist das anders. PSG wurde von einer Investorengruppe aus Katar, dem neuen Mutterland des Fußballs, aufgekauft und hat unter anderem Javier Pastore für 42 Millionen Euro verpflichtet. Mit diesen Beträgen wurde schon lange nicht mehr in der französischen Topliga eingekauft. All diese Tatsachen und das anstehende Topspiel ließen den Adrenalin-Haushalt steigen: Jetzt muss ich doch ins Stadion gehen! Gesagt, getan. Für einen leidigen Topzuschlag von 14 Euro die Karte für die Nordkurve neben den Gästefans und gegenüber der Heimkurve besorgt und die Tage gezählt.

Sonntagmorgen kündigte sich das Spektakel an: Im Stundentakt entleerte die Straßenbahn Fangruppen von PSG, die unter Polizeibegleitung zum Place de la Victoire zogen und sich mit Gesängen ankündigten. Bis zum Abend sammelten sich dort Hunderte. Für unsere kleine Gruppe aus drei Auslandsstudenten ging es knapp eine halbe Stunde vor Anpfiff erst – man ist in Südfrankreich – mit der Tram zum Stadion, das schon dort aus allen Nähten zu Platzen scheinte. Flutlicht  und zwei ansehnlich gefüllte Gästeblöcke – was will man mehr?

Die Antwort: Ein Sieg über Paris. Nur die weitere Frage: Wie soll das die Mannschaft von Francis Gillot bitte anstellen? Als dann auch der PSG die erste Ecke des Spiels zur Führung nutze, sollte sich die Frage doch nicht mehr stellen. 1:0 durch Sissoko. Links und rechts von uns sprangen verkappte Paris-Fans auf und feierten den Führungstreffer in der Fremde, während die Bordelaiser Anhänger sich vor allem mit stadionweiten Schmähgesängen wieder Luft verschafften. Passend dazu entrollte der Heimblock sein Plakat: Eure Millionen werden Euch niemals Seele verleihen.

Die Seele fehlte in den ersten Spielen auch der Équipe von Girondins, was man hier nicht verschweigen sollte. Doch wirkte es nach der Pariser Führung so, als wäre die Heimelf besonders motiviert. Bordeaux spielte vor allem über die linke Seite im Minutentakt nach vorne und brachte durch Benoît Trémoulinas immer wieder gefährliche Flanken vor das Tor. Irgendwann sollte der Aufwand belohnt werden: Nach einer Flanke von links konnte Yoan Gouffran seinen Bewacher abschütteln und köpfte unhaltbar den Ausgleich: 1:1. Ekstase im Stadion, Ekstase bei uns Erasmus-Studenten, die getreu dem Motto „Support your local team!“ mit Bordeaux fieberten.

Auch danach ließ Bordeaux nicht locker und erkämpfte den Ball oft schon an der Mittellinie. Effizient genug war das leider immer noch nicht: Man kam noch zu weiteren Torchancen, etwa als Jaroslav Plasil aus etwa 22 Metern den Ball auf die linke obere Torecke zimmerte und nur durch eine sehenswerte Parade von PSG-Keeper Sirigu entschärft werden konnte.

Nach der Pause lief es dann anders herum. PSG spielte unentwegt nach vorne und drängte Bordeaux weit zurück. Auffällig war allerdings, dass die Hauptstädter mit der Zeit stets unkonzentrierter und nervöser wurden und mit jeder vergebenen Chance weiter unter Druck gerieten. Javier Pastore wirkte zu diesem Zeitpunkt tragisch fehlbesetzt: Als einziger Spieler der Gäste besaß er vielleicht über die ausschlaggebenden Qualitäten, um einen Sieg an diesem Abend davonzutragen. Aber das nützt nichts, wenn die Mitspieler nicht mit dem Star harmonieren. Pastore fiel mit der Zeit nur noch durch Meckereien beim Schiedsrichter auf. Bordeaux zeigte stattdessen das, was Fußballreporter nach dem Spiel gerne „geschlossene Mannschaftsleistung“ nennen.

Einen geschlossenen Auftritt auf den Rängen kann man den Gästen aus Paris attestieren, die durchgehend aktiv und teilweise auch richtig laut für Anfeuerung sorgte. Bordeaux war zwar recht durchgängig präsent, aber trotz großer Masse nicht über überzeugend, abgesehen von Wechselgesängen, die das ganze Stadion mitrissen.

Am Ende blieb es beim 1:1 trotz einer Großchance durch Henri Saivet kurz vor Ende der Partie, die fast zum zweiten Kopfballtor des Abends geführt hätte. Trotzdem täuscht das Unentschieden nicht darüber hinweg, dass das Spiel von Girondins de Bordeaux wieder Herz und vor allem Seele hat – und in dieser Form auch bald die Abstiegszone verlassen wird. Den Fußballentzug konnten sie auch stoppen. Für’s Erste.

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