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L’ordre et la morale

Oktober 20, 2011

Als Filmbegeisterter fährt man gut in Bordeaux. Der Filmclub der Universität, „Les petits courts“, luden gestern zur Vor-Vor-Premiere des neuen Films von Mathieu Kassovitz, „L’ordre et la  morale“. In Anwesenheit des Regisseurs und Hauptdarstellers selbst, der europaweit seit „La Haine“ (Hass, 1995) kein Unbekannter mehr ist. Also nichts wie angemeldet, nach dem letzten Kurs zur Straßenbahn gehetzt und dann, der für Südfrankreich völlig untypischen Aufforderung, pünktlich am Kino anzukommen, doch noch gerecht geworden.

„La morale et l’action“ ist der Titel eines 1990 erschienen Buches von Philippe Legorjus, ehemals „Capitaine du GIGN„, einer Spezialeinheit der französischen Gendarmerie. Der Film basiert größtenteils auf dem Buch, das die Ereignisse einer Geiselnahme im Jahr 1988 auf der Inselgruppe Neukaledonien verarbeitet.

Neukaledonien ist eine Inselgruppe, die zum Überseeterritorium Frankreichs gehört. Während den Präsidentschaftswahlen 1988 dringt eine Gruppe von Kanaken, die für die Unabhängigkeit Neukaledoniens vom französischen Staat eintreten, in eine Station der Gendarmerie ein, töten vier Polizisten und nehmen mehr als 20 von ihnen als Geiseln. Capitaine Legorjus (im Film von Kassovitz selbst dargestellt), Experte für Verhandlungsführung, wird mit seiner Spezialeinheit der Gendarmerie auf die Insel Ouvéa gerufen, um die Gefangenen zu befreien. Vor Ort ist er mit internen Problemen konfrontiert: Das unter einer Cohabitation politisch einer rechten Regierung und einem linken Präsidenten unterstehende Frankreich hat nicht nur die Truppe von Legorjus, sondern auch das Militär auf die Insel beordert. Während die Gendarmerie auf Wegen der Vermittlung und Diskussion versucht, eine Einigung mit den Geiselnehmern herbeizuführen, will das Militär eine schnelle Befreiungsaktion mit allen Mitteln erzwingen.

Legorjus wird beim Versuch, Kontakt mit der Kanaken-Gruppe aufzunehmen, gefangen genommen und muss sieben weitere Leben in die Hände der Geiselnehmer legen. Ihm selbst gelingt es die Rebellen um den charismatischen Anführer Alphonse (Iabe Lapacas) von seiner eigenen Freilassung zu überzeugen. Was die französischen Behörden als einen Erfolg feiern, ist dabei nur der Auftakt zu einem Spiel auf Zeit, in dem Legorjus versuchen muss, nicht nur zwischen Kanak und Frankreich, sondern auch zwischen Politik und Militär zu verhandeln und dabei Ordnung und Moral zu bewahren.

Kassovitz‘ Werke werden recht unterschiedlich beurteilt. Für seinen letzten Film, Babylon A.D., bekam er gemischte bis negative Kritiken. Hass und die purpurnen Flüsse gelten hingegen als gelungene Werke des Multitalents. Mit dem recht schwierigen, in Frankreich kaum aufgearbeiteten Stoff der Geiselnahme auf Ouvéa kehrt Kassovitz wieder ein wenig zu seinen Wurzeln zurück: Bewusst politisches Kino, das Frankreich mit unangenehmen Momenten der eigenen Geschichten konfrontiert. Auch deswegen wurde der Film erst 2011 realisiert.

Auffällig ist die ungeschönte Erzählweise von L’ordre et la morale. Die ruhigen, idyllischen Bilder der Insel werden zur Bedrohung, sobald der Trupp auf die Suche nach den Geiseln geht. Personen werden im Nachinein nicht zu Helden verklärt, schon gar nicht Legorjus. Kassovitz wird oft als zu kalt und emotionsloses kritisiert, allerdings zeigt sich gerade im letzten Drittel des Films, dass er damit der Rolle des Verhandlers wohl am Gerechtesten wird. Die Darstellung der Rebellen mag an einigen Stellen zu positiv gekommen sein, dafür offenbart sich an anderer Stelle aber auch der Bruch mit den Traditionen der Kanak. Es gibt weder Schwarz noch Weiß bei Kassovitz – abgesehen von der französischen Politik. Die bleibt am Ende das eigentliche Ziel der Kritik.

Ob da gewisse Motive im Vorwahljahr 2012 dahinterstecken? Man darf wohl davon ausgehen. Nicht zuletzt bleibt der eigentliche Konflikt um die Unabhängigkeit Neukaledoniens. 2014 wird ein Referendum stattfinden, dass den Bewohnern der Insel die Möglichkeit gibt, über die Zugehörigkeit zum französischen Staat zu entscheiden. Blendet man die politische Motiviertheit und einen recht glatten Beginn aus, in dem man stellenweise an der Charakterentwicklung zweifelt, so bleibt am Ende sehenswertes Kino, frei von Pathos und Glorifizierungen, eine Dokumentation in Spielfilmform – man darf sich gerne an Oliver Stone in seiner stärkeren Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er erinnert fühlen. Zugleich ist es besonders für Ausländer ein sehenswerter Film, da er ein für diese kaum bekanntes Kapitel französischer Geschichte beleuchtet.

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