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Großes Kino

Oktober 10, 2011

20111010-145956.jpg Ich mag das Kino. Kein bestimmtes, sondern die Institution, das Gefühl, die gemeinsame Kultur des Films, die allen Genres, allen Filmemachern und allen Zuschauern eigens ist. Das, was es ausmacht, sich für zwei Stunden in einen abgedunkelten Saal mit vielen anderen begeisterten Menschen zu gehen. In Bordeaux gibt es aber ein besonderes Kino, das einen Beitrag rechtfertigt und das ich für dieses Weblog dann doch vorstellen muss: Das Utopia.

Unter den Franzosen gilt das Utopia, das es in mehreren französischen Städten gibt, als etwas eigen, intellektuell und am Autorenkino und sozialkritischen Themen interessiert. Das trifft zu. Die sehr aufwändig und mit Liebe zum Detail gestaltete Programmzeitschrift preist nicht nur „garantiert 3D-freie Filme“ an, sondern vor allem Abende mit anschließenden Podiumsdiskussionen und Debatten. In der zum Kino umfunktionierten Kirche sieht man viele Dokumentationen, Filmklassiker und manchmal auch die kommenden Blockbuster – vorausgesetzt, der Anspruch ist vorhanden.

20111010-150010.jpgAlso ist auch manchmal, manchmal etwas für mich dabei. So wie am Sonntagabend „Drive“, der in den deutschen Kinos erst 2012 zu sehen sein wird. Am Tag darauf, zum reduzierten Preis, nahm ich dann noch einen Klassiker mit: „Barton Fink“ von den Coen-Brothers. Da dieses Blog ja in gewisser Weise auch ein kleiner Ratgeber für die Leute sein soll, die nicht unbedingt morgen oder übermorgen nach Bordeaux finden werden, gibt es heute endlich mal einen weitestgehend ortsunabhängigen Ratschlag: Seht Euch beide Filme an! Warum?

Ich fange mit dem älteren Exemplar an, den ich in einem für einen Montagmorgen doch mit ein paar Leuten gespickten Kinosaal sehen durfte: „Barton Fink“. 1991 gewann der Film von Joel und Ethan Coen gleich mehrere Preise bei den Filmfestspielen in Cannes. Die Geschichte des linken, aufstrebenden Bühnenschriftstellers Barton Fink, der in Hollywood das Drehbuch für einen B-Movie über Wrestling schreiben soll, aber eigentlich viel lieber vom Theater für „den einfachen Mann“ träumt, ist ein Film, den man sich trotz der Dauer von zwei Stunden mehrmals ansehen kann. Jedes Mal wird man ein kleines Detail, eine bisher unbeachtete Facette des Films entdecken, die einen den Stoff neu interpretieren lässt. Was allerdings schon alleine den Unterhaltungsfaktor ausmacht: Die tiefschwarze Komödie parodiert das Filmgeschäft und wird erst durch die schauspielerische Leistung von John Turturro und John Goodman zum Erlebnis.

Ich würde ja jetzt gerne mit der Lobhuddelei aufhören, da sich das nicht gehört, aber da das hier keine ausgefeilte Kritik ist, sondern lediglich der Spontaneindruck eines Kinoabends (wer eine richtige Kritik möchte, kann sich auch diskret per Mail melden): „Drive“ hat das Potenzial, einer der besten Filme des Jahres zu werden. Dabei ist die Geschichte an sich wirklich nicht neu: Ein einsamer, namenloser Stuntfahrer und Mechaniker führt ein Doppelleben als Chauffeur für Einbrüche und Überfälle – diverse Heist-Movies lassen grüßen – und gerät über die Bekanntschaft zu seiner Nachbarin in einen gefährlichen Coup. Dass die Anzahl der Inspirationen, die streitbare Musik im Stil der 80er Jahre, das Fehlen von vielen rasanten Autoszenen und vielleicht auch die Besetzung von Christina Hendricks in einer kleinen Nebenrolle genug Anlass zur Kritik wären – geschenkt.

Aber der Gewinner des diesjährigen Preises für die beste Regie bei den Filmfestspielen in Cannes (man merkt die Bedeutung für das französische Kino) bietet dafür eine überraschend gute Mischung aus Drama und Thriller mit einer Komplexität, die vielen ähnlich gestalteten Blockbustern einfach fehlt, perfekt besetzten Darstellern und den passenden Bildern.Mehr will ich dann doch garnicht – außer vielleicht noch viele weitere Überraschungen auf der großen Leinwand. Gerne im Utopia.

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2 Kommentare leave one →
  1. Oktober 13, 2011 7:27 am

    Hört sich nach einem Kino an, in das ich gerne gehen würde. Zudem ein Kino in einer umfunktionierten Kirche, das ist alleine schon eine reizvolle Vorstellung. Zu den beiden Filmen: Barton Fink ist wirklich ein toller Film, mit einem, da stimme ich Dir zu, großartigen John Turturro. Auf Drive bin ich gespannt, den habe ich noch nicht gesehen (dabei hätte ich in San Sebastián Gelegenheit dazu gehabt, dort passte er aber nicht in mein Programm).

    • Oktober 13, 2011 10:34 am

      Das „Utopia“ gibt es auch noch in anderen Städten – Avignon, Toulouse. Immer mit einem eigenen Charme. Ich denke, dass solche Kinos in Deutschland leider selten sind.
      „Drive“ ist übrigens sehr sehenswert – gerade weil es kein Film mit vielen Autoszenen ist. Leider hat das eine Zuschauerin in den USA nicht verstanden – und die Filmmacher verklagt.

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