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An einem Samstag in Bordeaux

Oktober 9, 2011

Was ist mein liebster Wochentag in Bordeaux? Ich möchte mich nicht entscheiden müssen. Ich muss es ja auch nicht, aber wenn ich es müsste, würde ich wohl zwischen dem Dienstag und dem Samstag schwanken. Der Dienstag, weil die Uni da erst Nachmittags beginnt (so wie Montag, nur: Wer sagt schon freiwillig, dass sein liebster Wochentag der Montag ist?). Der Samstag, weil sich Bordeaux dann ins Zeug legt. Um sich zu präsentieren, für sich zu werben. Zeit für einen Stadtspaziergang.

Zuerst schauen wir uns mal die Polizei an. Etwa zweimal pro Jahr präsentiert sich die Polizei mit ihrer Arbeit den Bürgern der Stadt – um anzuwerben, aber vor allem auch, um zu beeindrucken. Wie man eine Pistole möglichst schnell zusammenfügt, wie man sich breitbeinig auf ein Polizeimotorrad niederlässt, was so ein Polizist als Mittagessen bekommt. Also all das, was Lust auf Arbeit bei der Polizei macht. Dass man unter Umständen entweder als Verkehrspolizist mit einer mäßig furchteinflößenden Trillerpfeife rumläuft oder gar als Fahrrad- oder Inline-Skater-Polizist arbeiten muss: Kein Wort davon. Aber immerhin durften die jungen, kahlrasierten Männer der Abteilung für öffentliche Sicherheit – sprich: Sicherung von Demonstrationen und Aufmärschen – auch ihre Kampfmontur präsentieren. Der Esprit des Knüppelschwingens wirkt auf den ein oder anderen doch anziehender, das kennt man auch in Deutschland.

Geringeres Interesse bei den Einheiten der Bekämpfung von Internetkriminalität. Mit sensibilisierenden Werbeplakaten (Sinngemäßer Spruch: „Im Kinderzimmer macht Ihr Kind die schlechtesten Bekanntschaften“) gegen Mobbing durch Schulkameraden, Pädophilie und Filesharing. Etwa 100 Meter davon entfernt blühte schon zur gleichen Zeit der Schwarzhandel mit CDs und DVDs, aber das lassen wir jetzt mal als Thema. Interessanter wurde es zumindest bei der französischen Spurensicherung, die es sich nicht nehmen ließ, einen Tatort nachzubasteln. Zum Abschluss dann ja, man ist schließlich Ausländer, noch zur Grenzpolizei. Die modernen Passfälscher werden immer gewiefter, sodass mit dem bloßen Auge kaum ein Unterschied zu einem echten Pass zu erkennen ist. Meinen eigenen pass ließ ich dann aber nicht unter die Lupe wandern…

Ich verließ den Platz der bemühten, aber schwer alleingelassenen Beamten und machte mich auf Richtung Rue Saint-Catherine, der Prunk- und Einkaufsstraße von Bordeaux. Auch keine 100 Meter von der Polizeipräsentation waren es hier nun Tierschützer, die für ihre Anliegen warben. In bester Nachbarschaft zu einem „Freiwilligen-Stand“ von Scientology. Erstaunt über die Fülle von Informationsständen, die ich sonst nur aus der Saarbrücker Innenstadt kannte, dachte ich mir, ich könnte wohl noch andere wunderbare Informationsangebote finden. Nachdem ich überlegte, ob ich nun als Polizist Tiere vor Demonstranten und dem Internet schützen sollte oder ob Scientology doch Speiseregeln hat, die etwas dagegen einzuwenden hätten.

Erst einmal sah ich eine Menschentraube. Das verheißt gerade in Frankreich besonderes, da der geneigte Franzose ungern stehen bleibt, wenn er sich zu Fuß durch eine enge Fußgängerzone bewegt. Oder gar genauso langsam gehen wie der Vordermann! Hier war es nun der Bordelaiser Bob Ross, der die Menschenmasse mit in Windeseile gemalten Landschaftsbildern beeindruckte. Natürlich modern, also mit Sprühdosen. Die Menge löste sich auf – natürlich ohne auch nur eines der Bilder käuflich zu erwerben – und machte Platz für eine Fußgruppe mit Alphorn, Megafon und zwei großen Holzkreuzen. Eine Fußgruppe einer anderen christlichen Sekte bewegte sich mitten auf den Scientology-Stand zu! Das Potenzial für einen echten Religionskrieg wurde letztlich nicht genutzt und artete in einer doch sehr friedvollen Diskussion aus. Wer mehr Unterhaltung wollte, musste nun zum Place Pey-Berland zurückkehren.

Dort zog die Polizei nun sämtliche Register: Beeindrucken wir die Leute nun mit einer kleinen Vorführung mit Polizeihunden! Ein doppelt kluger Schachzug. Zum einen passierte endlich mal etwas, das die Menschenmassen anzog, zum anderen grub man mit dem Einsatz von Tieren auch noch den Tierschützern das Wasser ab. Action und Wau Wau in einem (siehe auch das gestrige Video):

Der Samstag ist der Tag, an dem Bordeaux sich präsentiert. Ob Bordeaux auch wirklich das internationale Zentrum für hermeneutische Diskurse unter Sekten oder Hundeshows ist? Nein. Aber immerhin wird es selten vorkommen, dass man sich hier an einem Wochenende langweilt.

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