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Studieren wie Erasmus in Frankreich II

September 14, 2011

Oder: Vorlesung im Seminarraum

Mittwoch, 16.40 Uhr. Ich stehe in einem Hörsaal, dem mittelgroßen der insgesamt drei Hörsäle. Ich weiß nicht, welcher Kurs gleich beginnt, aber weiß, dass es irgendwo anders noch einen besseren Kurs geben soll. Es soll um den Aufstieg des „Südens“, also der Länder wie Brasilien, Indien oder China, gehen. Hochpolitischer, aktueller Stoff. Mit mehreren Leuten, die ich entweder gerade erst oder erst vor zwei Tagen kennengelernt habe, suche ich den Raum. Die Räume sind in Frankreich selten mit richtigen Raumnummern versehen, sie haben meist eigene Namen. Benannt nach großen Denkern wie Montesquieu oder Siegfried.

Irgendwann haben wir den Raum gefunden. Kein Hörsaal, sondern ein riesiger Seminarraum. Das heißt: Flache Ebene, vorne eine kleine Leinwand für die Power-Point-Präsentation und wer hinten sitzt, hört und sieht nichts. Natürlich sind nur noch hinten Plätze frei.

Der Dozent spricht zu den gefühlt 200 Leuten in dem wirklich großen, langen Seminarraum. Wie erwartet hört der hintere Teil des Doppel-Seminar-Raumes nichts und ruft sofort „Non!“, als der Dozent seinen ersten Monolog unterbricht. Vermutlich hat er gerade gefragt, ob man ihn gut versteht.

Unterricht aus der Ferne
Prompt verschwindet der Professor aus dem Raum und lässt die Studenten alleine. Es herrscht eine gut gelaunte Atmosphäre, alles und jeder redet munter. Die Uhr tickt, eigentlich sollte schon seit mindestens, zehn Minuten eine Vorlesung im Gange sein. Immer noch strömen Leute in den Raum, die gerade jetzt erst den Verantstaltungsort gefunden haben.

Endlich kehrt der Prof zurück, mit einem Mikrofon in der Hand. Nun hört auch der hintere Teil des Raumes bestens, schreit freudig „Oui!“ wie eine französische Grundschulklasse. Schemenhaft lässt sich erkennen, dass die Power-Point-Präsentation gerade eine Weltkarte mit Pfeilen anzeigt. Bestimmt was mit Handelsbeziehungen, vielleicht Sklavenhandel, wer weiß? Hier geht es in den Einführungskursen sehr geschichtlich zu.

Dann folgt endlich der Vortrag. Der Süden wird systematisch unterdrückt, der Süden wurde jahrelang ausgebeutet. Der Süden ist eine wirtschaftliche Bedrohung für den Norden. Schlagwort reiht sich an Schlagwort. Keine aktuelle Diskussion wird ausgespart. Von Technologietransfer nach China zur AIDS-Bedrohung in Afrika, zum General Agreement on Trade and Tariffs, bis hin zur Weltbank, deren Fehlschlag ihr Erfolg war. Sagt mal der Professor, sagt mal der Professor, dass es andere sagen, alles innerhalb weniger Minuten. Eine Kaskade politischer Begriffe, Meinungen, Tatsachen, Vorurteile und populärer Themen.

Zum Punkt kommen
Am Ende wird dem Dozent eine Eigenschaft zum Verhängnis, die sich in fast jeder alltäglichen Situation in Frankreich beobachten lässt: Jemand lässt sich Zeit beim Reden, für möglichst blumige und ausschweifende Erklärungen, um dann zu merken, dass die Zeit knapp geworden ist. Und dann geht’s schnell.

Noch einmal will der Professor also resümieren, welche Art von Ländern es gibt, nämlich drei. Zunächst gebe es die „pays riches“, die reichen, an den USA und Westeuropa orientierten, Länder, die Unterdrücker des Südens, das amerikanische Modell, die USA. Dann die „pays émergents“, die ehemals kolonialisierten, unterdrückten Länder, die nun auf dem aufsteigenden Ast sitzen. Die Gewinner der Globalisierung, die kommenden Staaten, die künftigen Retter der Bankenkrise, die Tigerstaaten.

Als der Dozent dann die von Politikwissenschaftlern geliebte Abkürzung der BRIC-Staaten sehr ausschweifend erklärt, bemerken einige Studenten, die bis eben in Gespräche vertieft waren, dass die Zeit abgelaufen ist. 18.15 Uhr schon. Also kommt der Dozent nun zum Punkt und erklärt die letzte Gruppe von Ländern mit einem Satz: „Et la troisième groupe, ce sont les pays pauvres.“ Das war’s, auf Wiedersehen und bis zu nächsten Woche. Kurz und schmerzlos. Bei manchen Veranstaltungen würde ich mir das auch in Deutschland mal wünschen.

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